Das schrille Kreischen der Tesafilmrolle

Bremer Quartett "Klank"erhört einen Ort
von gru
Der Regen trommelt aufs Dach. Ist das echt oder kommt's vom Band? Zögernd setzt Applaus ein und steigert sich. Ein spannender Abend endet, die Konzertaktion "Klank - Fragmente eines Kranzgesimses" am Donnerstagabend in Bruchhausen-Vilsen.
Rund 50 Zuhörer sind gekommen. Sie erleben in der meist stockdunklen Mensa einen Geräuschreigen, der keine Kakophonie ist, aber nur im weiteren Sinne als Konzert bezeichnet werden kann. Die Tuba beginnt mit einem schrägen Ton, die Posaune antwortet - danach erkunden viele Mitwirkende mit unterschiedlichsten Alltagsgegenständen, welches Spektrum an Tönen das Ohr aufnehmen kann.
Auf Socken, die Schritte gedämpft, wandern die schwarzgekleideten Sänger, Blasmusiker und Darsteller durch den Raum. Mal benutzen sie ihre Instrumente, mal ziehen sie Wasserkisten an Schnüren wie Hündchen hinter sich her. Nur ihre Stirnlampen leuchten durch die Reihen.
An den Stirnseiten der Mensa sind Leinwände aufgestellt. Sie zeigen, was gerade auf der anderen Seite passiert - die Zuschauer sitzen Rücken an Rücken. Jede Menge Equipment ist aufgefahren: Vom riesigen Mischpult bis zu leeren Wasserflaschen, die überall herumstehen, nicht einfach ausgetrunken stehen gelassen wurden, sondern als Instrumente dienen.
Ob das Spiel mit Tischtennis- und anderen Bällen, die Geräusche machen, oder das Knistern von Zellophanpapier oder das Schlagen einer Fliegenklatsche - das "Klank"-Quartett lässt seinem Spieltrieb freien Lauf und gibt den Zuhörern ordentlich was auf die Ohren. Wer hat sich schon mal Zeit genommen und dem schrillen Kreischen einer Tesafilm-Rolle gelauscht, die langsam abgewickelt wird?
Es ist ein Puzzle, das an diesem Abend entsteht. Schon im Vorfeld hatten die Initiatoren Stimmen von Personen aufgenommen, die Sätze zum Thema Puzzle vorlasen. Mit Zwischentiteln wie "Neue Vagheit / Geschichtsbegriffen", "Ungeduldiges Kapital" oder "Der Riss" schufen sie neun ineinander übergehende Bilder - für die Ohren.
Als "ganz toll" bezeichnete Jürgen Eenhuis den Abend, "Kathedralen-Sound" hatte Joachim Burkhardt gehört, der aus Bremen-Nord angereist war: "Das belebt die Seele", sagte er. Viel Spaß hatten auf jeden Fall die Mitwirkenden. Insgesamt dreimal nur haben die Musiker mit den Akteuren am Ort proben können, bevor dieses zeitgenössische Musikerlebnis "stand".

Kreiszeitung, 18. Juni 2011

Beifallssturm für Klanks wunderbare Klangwelt
Von Dorit Schlemermeyer
Die Halle ist dunkel und still, dann ist ein erster Klang zu hören: Das Rauschen von Regen. Erzeugt wird es durch Papier, das viele Hände vorsichtig zusammenknüllen. Etwa 70 Zuhörer sind am Donnerstagabend in die Mensa nach Bruchhausen-Vilsen gekommen, um ein ganz einmaliges Klangerlebnis hautnah mitzuerleben. Unter dem Titel "Fragmente eines Kranzgesimses" ist dieses Konzert von Klank komponiert und inszeniert worden. Klank - das sind Reinhart Hammerschmidt, Christoph Ogiermann und Tim Schomaker, die 2008 dieses Bremer Ensemble ins Leben riefen.
In der Halle erwartet die Zuhörer ein beeindruckendes Szenario: Sie hören Regentropfen, die auf Blätter fallen und dann in eine Tonne ploppen oder von einer Regenrinne tropfen, als die Klangkünstler Plastikbälle auf den Boden trumpfen. Oder es erklingt Vogelgezwitscher durch das langsame Abrollen von Klebeband. Doch das Klank-Ensemble ist nicht alleine. Sie musizieren mit Einwohnern aus Bruchhausen-Vilsen. Auch das Bläserensemble der St.-Cyriakus-Gemeinde spielt mit. Ihre Bläserverläufe gehen über in Geräusche von Alltagsinstrumenten wie Becher oder Akkuschrauber. Der Projektchor Martfeld lässt seine Stimmen zusammen oder vereinzelt erklingen: Schreie, überraschte Ausrufe wechseln mit Melodiefragmenten.
Als das Konzert endet, kann sich keiner der Zuhörer so recht aus dieser wunderbaren Klangwelt verabschieden, und so dauert es Minuten, bis ein Beifallssturm losbricht.
Weser-Kurier, 18. Juni 2011