So frei wie möglich
Das Bremer Ensemble Klank präsentiert „Und befreien sie von was“, einen Film über Klank und spielt live mit dem Martfelder Projektchor die Filmmusik dazu
Von Andreas Schnell
Klank – das klingt nicht zufällig nach „Clang Bang Clang“, oder nach Chung. Aber – natürlich – auch nach Klang. Klank ist ein Ensemble, das neu fragt,was Musik ist. Keine so leichte Frage, besser: keine so leicht zu beantwortende. Auch deshalb, so scheint es jedenfalls, befragen Klank nicht nur sich selbst auf diese Weise, sondern auch Kinder, Erwachsene, Künstler, Wände und Papierkügelchen sowie etliches mehr. Da ist es für die Erkenntnisgewinnung beinahe egal, ob der Raum ein nach fast allen Seiten offenes Zelt ist oder der Bauch eines Schiffs.
Die Frage, sie darf vielleicht auch für immer offen bleiben. Dafür lassen sich am Wegesrand allerlei andere Dinge herausfinden. Wie zum Beispiel neugierige Menschen mit Dingen unerhörten Klang erzeugen, die mit zeitgenössischer Musik zuvor nie zu tun hatten. Oder auch, wie sich ein Chor in den Sumpf schicken lässt, um später mit Sektkorken im Mund gut hegelianisch über Freiheit zu diskutieren.
Jetzt hat der Bremer Filmemacher Jan von Hasselt einen Film über Klank gedreht, der morgen im Rahmen des Festivals „Landklang“ in einem ehemaligen Landgasthof in Martfeld (zwischen Verden und Bruchhausen- Vilsen) zu sehen ist. „Und befreien sie von was“ ist der Titel des Films, und er ist typisch Klank, elliptisch, aber darin höchst präzise, einen Frageraum aufreißend. Klank, in diesem Fall Tim Schomacker, Christoph Ogiermann und Reinhart Hammerschmidt, sind darin zu sehen, wie sie mit dem Projektchor Martfeld – tja, eigentlich was tun? „Und befreien sie vonwas“ ist jedenfalls kein Dokumentarfilm, aber es ist auch kein Musikfilm, Konzertfilm, Spielfilm. Er spielt dazwischen. Und das spielen ist wörtlich zu verstehen. Er erzählt über Klank’sche Methoden, aber eher im- als explizit. Über die Arbeit mit Material: Text und Joghurtbecher, über den kreiselnden Herangang an ein Thema: Freiheit in diesem Fall. Sumpflandschaften (Moorsoldaten?), gefesselte Kreaturen im Laderaum eines Transporters (Klank?), über Befreiung der Gestalten, die Vagheit der Datierung („... Auf jeden Fall nach dem Wiener Kongress“), steile Thesen („Persönlichkeit ist Despotismus“). Ein irisierendes Konzept: Da entern ein paar Figuren in grünen Ganzkörperanzügen einen dunklen Raum. Vielleicht sind die Anzüge aber auch nicht grün, sondern nur das Licht, das auf sie fällt. Sie machen sich über Küchengerät her – vielleicht ist das aber auch kein Küchengerät, sondern ein Instrumentarium zur Erzeugung einer perkussiven Musik. Orff? Oder eher Orff-orrforrrrrf – oder Clang Bang Clang? Vielleicht sind das aber auch nicht Reste eines späten Abendessens, sondern? Vielleicht ist es auch keine Musik, sondern der Angriff auf das Eigenheim als Symbol.
„Überall dunkelhäutige Kinder mit verhängnisvollen Hungeraugen“, alle zwei Sekunden stirbt eins davon. „Jetzt – und jetzt – und jetzt. 40.000 auch heute wieder. Ich habe es so satt.“ Jan van Hasselt und sein Kameramann Michael Dreyer sind laut Credits nicht nur für Kamera, Regie und Schnitt verantwortlich, sondern auch für: Wortspiele. „So frei nach Dostojewskis Dämonen wie es nur ging“ sei der Besuch beim Martfelder Projektchor, lassen Klank verlauten. Der besagte Roman konfrontiert konkurrierende Ideologien im vorrevolutionären Russland Ende des 19. Jahrhunderts. Auch dies nur ein Denkanstoß im Katastrophenszenario, das der Film laut Klank sein könnte. „Ich räume auf mit jeder Vorstellung geistigen Eigentums“, heißt es in „Und befreien sie von was“. Eine hochaktuelle Debatte, die Dostojewski in seinen finstersten Träumen vielleicht nicht eingefallen wäre. Aber Freiheit – was ist das denn eigentlich? Dem Diktat des Musikinstruments zu entsagen – ganz sicher. Aber das bedeutet schließlich auch die Freiheit von etwas Bestimmtem. „Und befreien sie von was“, der am Freitag in Martfeld Premiere feiert, ist aber nicht fertig. Die Musik zum Film existiert getrennt von ihm und bildet die zweite, zeitgleich stattfindende Premiere. Die Synchronisierung bildet ein Drittes. Auch das, so darf man ahnen, ist nicht die ganze Wahrheit. An der, das ließe sich herauslesen aus der konzeptionellen Gemengelage, haben nicht nur Klank und der Projektchor Martfeld zu arbeiten, sondern auch wir.
taz Bremen, 21. Juni 2012

 

Von nackten Männern und Vanillepudding
Interaktives Filmprojekt Klank feiert in Martfeld Premiere
Von Sascha Rühl
Zwei Männer – gekleidet in weißen Schlafanzügen – fuchteln wild mit den Armen. Die neun Musiker vor ihnen verstehen das Signal und fangen wie wild an zu schmatzen und zu trampeln. Über die Leinwand flimmern Aufnahmen aus einem Feuchtgebiet, durch das der Martfelder Projektchor läuft. Die Premiere von "Klank: Und befreien sie von was" hielt am Freitagabend einige Überraschungen parat.
Der ehemalige Landgasthof Dunekack in Martfeld wirkte am Freitagabend ein wenig unaufgeräumt, als sei man mit der Renovierung nicht vor dem Eintreffen der Gäste fertig geworden. Überall um die Zuschauerränge herum stand oder lag etwas herum, sei es ein Planschbecken, eine Waschtrommel oder allerhand Krimskrams. In der Mitte des Festsaales saßen selbstverständlich die Gäste. Vor ihnen stand die Leinwand für die kommende Filmvorführung bereit, überall um sie herum, aber vor allem hinter ihnen lagen die vom Musik-Aktions-Ensemble Klank ausgesuchten Instrumente. "Die Idee war, einen Musikfilm und parallel dazu ein Konzertstück zu machen. Alle Klänge die im Film vorkommen, kommen auch später noch einmal vor", verriet Tim Schomacker vom Bremer Projekt Klank vor der Vorstellung.
Die Erwartungshaltung der Gäste bei einem so großen Aufwand war natürlich groß, und schließlich wurde der Saal verdunkelt. Vor den beiden Dirigenten von Klank lagen Listen, auf denen vermerkt war, zu welcher Spielzeit des Films welche Geräusche vorkommen. Gleichzeitig begannen zwei Stoppuhren und der Film zu laufen, der Martfelder Projektchor machte sich bereit. Über die Leinwand flimmerten skurrile Bilder. Die Mitglieder des Projektchores, die durchs Moor stapften und Tim Schomacker, der ein Planschbecken durchs selbige zog. Das Geräusch der Tritte im Morast wurde mit Griffen in eine Schale voll Vanillepudding nachgestellt. Drehte sich der Gast um, sah er ähnlich skurrile Bilder mit den selben Akteuren. Musikerin Barbara Hacke, die mit einem Schäufelchen in ein Becken voll Wasser schlug und andere Mitglieder des Chores, die wahlweise schmatzten oder sangen.
Auf Sinnsuche durfte sich das Publikum bei der Vorführung nicht begeben, denn der war im Film, wenn überhaupt, nur versteckt zu finden. Eine Mischung aus Nonne und Außerirdischer wandelte am Wassergraben umher, drei maskierte Gestalten, bei denen Augen und Münder mit Reißverschlüssen verschlossen waren, rannten auf dem Martfelder Sportplatz herum. Dann ein nackter Klank, der auf der Bühne des Saales präsentiert wurde. Mit Klebeband gefesselte Personen in einem Kleintransporter. Musikalisch begleitet wurden die teils horrorfilmähnlichen Aufnahmen mit aufgezogenem Tesafilm, gezwickten Luftballons oder dem Klingeln von Deckeln auf Kaffeetassen. Nicht nur die Tassen klingelten, auch die Ohren. "Wir stehen auf laut. Anders geht so etwas auch gar nicht", fand Tim Schomacker.Worum der Film mit seinen verrückten Szenen und schrägen Handlungen eigentlich ging, war nur schwer zu begreifen, doch Schomacker bemühte sich um eine Beschreibung des Inhalts: "Ich weiß nicht, ob der Film eine Botschaft hat. Die einzige Botschaft ist, dass es das persönlichste Projekt ist, das wir jemals gemacht haben. Er enthält alles, was uns persönlich, politisch oder künstlerisch so beschäftigt hat. Wenn man versucht, das zu erzählen, dann benötigt man eine Form", sagte er. "Für mich ist das ein Katastrophenszenario, fast wie ein Vampirfilm oder eine Epidemie, was wir da entwerfen. Uns ging es darum, einzelne Bilder von alledem was uns so treibt, zu gestalten, wenn wir über Musik oder Stadt und Land nachdenken. Ich glaube, eine Botschaft zu suchen wäre insofern an unserer Zielsetzung vorbei", erklärte Tim Schomacker von Klank.
Es gebe einfach keine Botschaft zu dieser Überlegung. Letztlich gehe es aber um die Frage, wie man Freiheit, Leben und Glück in einen Menschen hinein bringe.
Weser-Kurier, 25. Juni 2012