Musik für Bläser und und explodierende Kartons
Cornelius Cardews "The Great Learning" mit Grundschülern aus Bremen-Marßel aufgeführt
Von York Schaefer
Zeitgenössische Musik gilt oft als abgehoben, schwer zugänglich und isoliert in akademischen Zirkeln, in denen Exzentriker wie Karl-Heinz Stockhausen elitäre Klanggeräusche für verkopfte Musiknerds komponieren. Der Brite Cornelius Cardew nun war Stockhausen-Schüler, aber sein Ansatz an die Neue Musik war ein anderer: ideologiekritisch, radikal demokratisch. Cardew schrieb politische Lieder für maoistische Gruppen, an seinem Hauptwerk "The Great Learning" aus dem Jahr 1971 beteiligte er explizit auch musikalisch unausgebildete Menschen.
Frei übersetzt als "Großes Lernen" wurde Cardews Werk jetzt mit gut 70 Beteiligten, darunter über 40 Grundschulkindern aus Bremen-Marßel, in der großen Halle der Spedition aufgeführt. Ein fulminantes Konzertereignis zwischen gestrenger Konzeption und eruptivem Ausbruch, philosophischen Textfragmenten und flirrenden Videoprojektionen.
Während das Bläserensemble "Lauter Blech" im ersten Teil Klangfarben zwischen schrill leuchtend und dunkel tönender Schattierung anmischte, schoben sich große Kartons wie Pappdampfer unter einen Lichtkegel in die Halle. Kinderstimmen aus dem Off tasten sich an Textauszüge aus Melville und Thomas Hobbes heran, das extra gegründete Cardew-Ensemble Bremen stakt und rezitiert roboterartig im Quadrat. Ihre Stimmen verschmelzen zu einem Mantra über Freiheit und Zwänge des Lernens.
KLANK marschiert auf, das Bremer Improvisationsquartett ist der Ideengeber hinter dem Konzert. Die Herren suggerieren ein Streicherensemble, das sich schabend, schleifend und schrubbend an Pappstücken abarbeitet. Hinter ihnen explodieren die erwähnten Kartons, Mädels steigen heraus und widmen sich der künstlerischen Bearbeitung ihrer früheren Behausung.
In einem weiteren, vor allem optisch beeindruckenden, fast beklemmenden Aufzug, tippeln die gut 40 Kinder in geschlossener Reihe auf das Publikum zu, akustisch untermalt vom scharrenden Geräusch der Getränkekisten, die sie hinter sich herziehen. Hier geht es um Verantwortung, einer muss den ersten Schritt machen.
Zweimal finden sich alle Beteiligten, Musiker und Nicht-Musiker, zu einem orchestralen Ganzen. Das erste Mal vor der Pause werden unter dem Dirigat von KLANK unter anderem die klanglichen Möglichkeiten von Plastikflaschen, Luftballons und Wäschetrögen ausgelotet. Zum großen Finale dann entspannt ich ein erhaben schmetterndes Gebräu aus Orgel- und Synthie-Sounds, wildem Getrommel und inbrünstigen Stimmen. Vor allem die Kinder haben hier sichtlich ihren Spaß und entwickeln vielleicht ein Verständnis dafür, was alles Musik sein kann.
Wenn auch nicht alle Teile der knapp zweistündigen Konzertperformance gleich überzeugend waren, bekam man insgesamt einen wunderbaren Eindruck davon, wie spannend und voll im Leben stehend zeitgenössische und improvisierte Musik sein kann.
Weser-Kurier, 15. Mai 2009

GROSSES LERNEN
Von Peter Abromeit
In der stillgelegten Lagerhalle einer Spedition auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Bremen bot sich im Mai 2009 die Gelegenheit, Augen- und Ohrenzeuge eines Ereignisses zu werden, das als Konzert angekündigt war, tatsächlich aber profundere Absichten verfolgt.
Die bekennenden Improvisatoren von KLANK (das sind Reinhart Hammerschmidt, Christoph Ogiermann, Tim Schomacker und Hainer Wörmann) haben mit GROSSES LERNEN die Bildung eines sozialen Wesens angeregt und in der Tradition des Londoner "Scratch Orchestra" verwirklicht - frei nach Cornelius Cardews "The Great Learning" von 1969.
Das Orchester selbst ist ein improvisiertes, zusammengewürfelt aus Amateuren und erfahrenen Musikern, bestehenden Ensembles wie "Lauter Blech" und Einzelnen, Künstlern und Enthusiasten, Erwachsenen und Schulkindern, aus mehr als 70 Personen.
Auch das Instrumentarium ist zusammengewürfelt: Plastikflaschen und Luftballons behaupten sich neben Posaunen, Trompeten und Saxophonen. Kontrabasskarton und Topfdeckel konkurrieren mit Trommel und Conga, beschämen die etablierten Stars der Percussion mit ihrem erfrischenden clownesken Potential. Eric Saties Saugrüssel in C und sein Chromatischer Waschbottich in H kommen endlich zu Gehör.
All dies organische und anorganische Material setzt sich im Lernprozess zusammen, vernetzt sich mit allen Sinnen. Das Publikum wohnt dem Entstehen eines Klangkörpers bei, den ersten Gehversuchen eines künstlichen Menschen, der Konstruktion eines gesellschaftlichen Wesens, das mit sich selbst beschäftigt ist, sich selbst genügt.
Man hört es atmen, in langen Zügen. Kavernöses Rasseln mischt sich ein, vereinzeltes Ringen nach Luft, während das Ganze tief ausatmet, minutenlang. Man hört es den Raum mit Klängen ertasten. Lange Zungen belecken jeden Winkel. Die Posaune erweist sich als Sinnesorgan.
Fremdkörper nähern sich mit Vorsicht, gleiten ins schwache Bühnenlicht, unbeholfene Kartonpanzer, in deren breiten, labilen Rückenpartien bunte Bälle schaukeln. Sie verharren. Später werden sie Teil des Ganzen, wenn der Klangkörper akzelleriert.
Man hört Kinder etwas lesen, Buchstaben und Silben übersetzen aus dem Schriftlichen in Klang. Man hört ihre Zeigefinger entlangfahren unter den Zeilen: Durch-die-kunst-fertig-keit-des-men-schen. Ein-künst-liches-tier-scha-schaffen-kann. Das-ma-te-ri-al-und-den-kon-struk-teur. KON-STRUK-TÖR. Man hört ihre Freude am Dechiffrieren der Partitur.
Ein Chor bewegt sich rhythmisch im Quadrat und singt dazu vom Blatt Merksätze nach dem Muster: Lerne leiden ohne zu klagen. Später bildet der Chor einen engen Kreis und quält ein mineralisches Material, vermutlich Schiefertafeln mit Griffeln.
KLANK greift zur Pappe, bespielt sie mit Geigenbögen, Plastikgabeln, elektrischen Milchschäumern. Der virtuose Gestus des Streichquartetts veredelt das Kratzen und Schaben zur akustischen Kostbarkeit.
Wenn sie alle Aufstellung nehmen, 50 Schulkinder in einer dicht geschlossenen Reihe gegen das Publikum, und sich so langsam wie möglich darauf zu bewegen, mischt sich nach einigen Minuten ein seltsam unbestimmtes Geräusch in die hochkonzentrierte Aktion. Im halbdunklen Bühnenlicht dauert es geraume Zeit, bis die Klangquelle verifiziert ist: jedes der Kinder zieht einen leeren Getränkekasten hinter sich her. So leise wie möglich. Das Bemühen ungehört zu bleiben gibt dem banalen Geräusch erstaunliche Intensität.
In Kapitel 2 sind fünf Dirigenten im Einsatz, mit großen Gesten, auch für ein sekundenkurzes pianissimo. In Kapitel 3 wird eine ausdauernde Stille mit dem projizierten Untertitel "Faustdicke Leere" kommentiert, und wer gelernt hat sich in Geduld zu üben, hat sein Vergnügen daran.
Zum Finale werden die heiligen Schreine des Musikunterrichts hereingerollt: elektrische Orgeln, um die sich Singkreise bilden. Die Luft wird schwer vom Duft vertrauter Harmonien. Dann lassen die Trommler ein schweres Gewitter niedergehen und die zarten Stimmen trotzen ihm mit zunehmender Mühe. Heiserkeit stellt sich ein.
Man hört und sieht ihn sich entwickeln, den jungen Klangkörper. Wie er nach allem greift und alles in den Mund nimmt. Sein Magen hat mehr Finger als die Hand. Man hört ihn auf die Beine kommen, sich aufrichten, die Luftsäule stabilisieren. Und wie er triumphiert mit seinen ersten Schritten. - Wer ihm zugehört hat beim GROSSEN LERNEN, der wünscht ihm für die Zukunft, dass er wächst und sich entwickelt ohne erwachsen zu werden, dass ihm die Hochschulreife erspart bleibt.
GROSSES LERNEN ist in der Tat ein Ereignis, getragen von nahezu fernöstlicher Schlichtheit und Bescheidenheit - und ein dezenter Hinweis auf die Möglichkeiten einer Kulturrevolution.
Positionen - Texte zur aktuellen Musik, Herbst 2009

Ein ungewöhnliches Klangerlebnis
In der Grundschule Landskronastraße wurde "Großes Lernen" aufgeführt
Von T.H.
Mit vielen Mitwirkenden, darunter 40 SchülerInnen und LehrerInnen der Grundschule Landskronastraße, dem Cardew-Ensemble Bremen, dem improvisationsensemble KLANK und dem Ensemble "Lauter Blech", fand im Rahmen der Stadtteilkulturtage "Sommer in Lesmona" ein Konzertspektakel statt. Unter dem Oberbegriff "Großes Lernen" wurde die ungewöhnliche Vorstellung in der Grundschule in Marßel aufgeführt.
Das Konzert, das in klanglicher und akustischer Hinsicht eine Menge Konzentration erforderlich machte und zugleich eine Bereitschaft voraussetzte, sich auf Neues einzulassen, orientierte sich an dem britischen Musiker Cornelius Cardew.
Dank der Aufteilung der Aula, die durch einen Treppenaufgang mit einer Art offenen Empore eine Einheit bildet, konnten sich alle mitwirkenden Akteure auf der gesamten Fläche gut verteilen, so dass sich das Publikum inmitten der Vorführung befand.
Dabei konnte es sich nicht, wie in gewohnter Weise, frontal von vorne musikalisch beköstigen lassen, sondern erhielt von beiden Seiten und der oberen Etage einen zuweilen kräftigen Sound serviert, der mit allerlei akustischen, fein abgestimmten Geräuschen, Tönen und Rhythmen ein gelungenes Zusammenspiel bewirkte. Da mussten so manche Zuhörer schon einmal den Kopf drehen und gezielt mit Augen und Ohren fein heraussuchen und -filtern, wer wo welche Instrumente gerade bedient. Das Blasensemble "Lauter Blech" mischte sich dabei in Big-Band-Manier unter die Mitwirkenden, während von oben immer eine Trommelsektion für heiße Rhythmen sorgte.
Eine gelungene Aufführung, die durch die KLANK-Akteure Reinhart Hammerschmidt, Christoph Ogiermann, Tim Schomacker und Hainer Wörmann und die Künstlerinnen Monika B. Beyer (Film), Dina Koper und Anne Schlöpke realisiert werden konnte.
Ein abschließender Film von Monika B. Beyer über eine bereits erfolgte Aufführung im Güterbahnhof Bremen schloss sich unmittelbar an.
BLV, 24. Juni 2009